Menü

Kein Happy End, aber es gibt Hoffnung in der Not

Kein Happy End, aber es gibt Hoffnung in der Not

Kleinmaischeid. Diese Story hat kein Happy End. Es ist nicht die schöne Geschichte, die wir schon so oft schreiben durften: HELFT UNS LEBEN (HUL) macht auf eine Notlage aufmerksam, die Leser spenden, und zum Schluss gibt es eine Übergabe mit glücklichen Gesichtern. Diese Geschichte ist in Teilen auch so, aber im entscheidenden Punkt anders: Sophia ist tot.

Dank der überwältigenden Hilfsbereitschaft der RZ-Leser konnte HUL dem Mädchen nur noch einen letzten Wunsch erfüllen – und ihren Hinterbliebenen helfen, die Trauer zu verarbeiten. Immerhin: Mutter Anke sieht heute, acht Monate später, wieder etwas positiver in die Zukunft.

Es ist im Dezember 2017, als die RZ erstmals über Familie Queitsch berichtet. Damals darf Sophia (9) nach monatelangem Martyrium endlich nach Hause, zumindest für ein paar Tage. Das Kind scheint auf dem Weg der Besserung. Leukämiebefund, Chemotherapie, Hirnblutung, Koma, vier Wochen lang: All das liegt hinter ihr. Über Monate hat Mutter Anke an Sophias Bett in der Bonner Uniklinik gesessen, notgedrungen ihre vier „großen“ Kinder allein lassen müssen.

Das früher so quickfidele Mädchen ist weiterhin praktisch blind und nahezu gelähmt. Aber wenigstens zu Weihnachten darf Sophia wieder nach Kleinmaischeid. Sie hat sich etwas erholt, man hofft, dass sich ihr Zustand weiter verbessert.

Dass auf lange Zeit immer wieder Klinikaufenthalte nötig sein werden, scheint aber auch klar. Und so braucht die Familie dringend einen Wagen, in dem sie das Kind samt Rollstuhl transportieren kann. Nur wie soll sie den finanzieren? Anke Queitsch ist alleinerziehend. Arbeiten kann sie nicht. Sie muss sich um ihr Kind kümmern, für das sie zum letzten Strohhalm geworden ist.

HUL ruft zu Spenden auf, und die Leser lassen sich nicht lumpen. Der Transporter ist schon bestellt, da kommt die niederschmetternde Nachricht: Der Krebs siegt doch, die Ärzte geben den Kampf gegen die Leukämie auf. Sie entlassen Sophia nach Hause, können nicht einmal sicher sagen, dass sie noch ihren zehnten Geburtstag erlebt.

Es folgt die Zeit des Abschieds. Das Hospiz in Koblenz hilft der Familie, empfiehlt ihr einen letzten gemeinsamen Urlaub. HUL finanziert den gern. Weite Fahrten sind für Sophia nicht mehr möglich, aber den Queitschs gefällt es auch an der nahen Westerwälder Seenplatte sehr gut. Verwandte und Freunde kommen dazu. „Wir haben es sehr genossen. Diese Zeit hat uns viel bedeutet“, sagt Anke Queitsch heute und erzählt mit einem Lächeln, dass man im Lindner-Hotel „sehr lieb“ gewesen sei. „Sie haben Sophia sogar ihre Tiefkühlpizza gemacht. Sie wollte nichts anderes mehr essen“, sagt sie.

„Nein, wir haben nicht permanent geheult. Wir haben die Zeit wirklich genutzt. Natürlich hab ich zu kämpfen gehabt. Aber das macht man nicht vor den Kindern. Und es hat funktioniert. Sie war glücklich“, ist sie fest überzeugt. Ein Beispiel: Einmal sprang ein kleiner Hund zu Sophia auf den Rollstuhl und hat mit ihr gekuschelt. „Da war so ein Strahlen in ihren Augen. Sie hat es genossen.“

Heute begrüßt „Amy“ bei Queitschs Fremde eher skeptisch knurrend. Sophia möchte nach diesem Erlebnis so gern noch einen Hund haben, dass die Familie den fußballgroßen Chihuahua-Zwergspitz-Mischling anschafft. „Sie ist Sophias Hund“, sagt ihre Mutter – auch wenn sie ihn nicht mehr lange genießen konnte. Denn viel Zeit bleibt dem Mädchen nicht mehr. Ihren zehnten Geburtstag erlebt Sophia noch, fünf Tage später stirbt sie. „Sie hat auf ihren Lieblingsonkel aus München gewartet, um sich zu verabschieden“, weiß ihre Mutter.

Die fällt anschließend in ein tiefes Loch. Damit sie eine Chance hat, sich daraus wieder hervorzukämpfen, braucht sie ein Auto. Denn in Kleinmaischeid gibt es praktisch keinen öffentlichen Nahverkehr: Busse fahren selten und auf wenigen Routen, der nächste Bahnhof ist im 15 Kilometer entfernten Engers. Wie sollen Mutter und Geschwister die dringend angeratenen Therapieangebote annehmen? Sie kommen nicht hin. Das Koblenzer Hospiz legt es HUL ans Herz, hier zu helfen. Der Hilfsverein stimmt zu, auch wenn es nicht mehr für das Kind ist.

„Mir ist ein großer Stein vom Herzen gefallen“, sagt Anke Queitsch. Denn so kann die Familie auch gemeinsam etwas unternehmen, kommt mal raus. Gleich in den Herbstferien fahren Mutter und Kinder zu Oma Tine nach Sachsen. Heute zeigt der Zähler des Ford Tourneo Connect an, dass Queitschs schon 5000 Kilometer unterwegs waren. „Es wäre so vieles ohne Auto nicht möglich gewesen“, sagt die Mutter.

Kürzlich zum Beispiel: „Wintertraum“ im Phantasialand. Queitschs haben Karten von einer Hilfsaktion in Brückrachdorf bekommen, dank des Wagens können sie sie auch in Brühl einlösen. „Die vier Kinder so vereint und glücklich zu sehen, das hat richtig gutgetan. Ich bin zwar mit keiner Achterbahn gefahren, habe den Besuch aber genossen ohne Ende. Das war Balsam für die Seele“, erinnert sie sich.

Und noch wichtiger: Anke Queitsch hat vor Sophias Erkrankung eine Umschulung zur Hauswirtschafterin absolviert. Jetzt kann sie dank Auto ein Praktikum bei einem ambulanten Pflegedienst in Selters annehmen. „Mit tut es gut. Zu Hause komme ich zu viel ins Grübeln. Unter Leuten fällt es mir leichter“, sagt sie und gibt zu, dass sie natürlich Tage hat, an denen sie am liebsten im Bett bleiben würde. „Aber auch dann ist die Ablenkung angenehm.“

Und die Arbeitsatmosphäre stimmt, sie kommt mit ihrem Chef und den Kollegen gut aus. Alle sind sich einig: Es passt. „Am 1. März fange ich dort fest an. In Vollzeit. Ich möchte weg von Hartz IV“, sagt Anke Queitsch, lächelt und betont: „Ich möchte dem Verein und den vielen Spendern Danke sagen. Danke, dass sie mir das ermöglicht haben, auch wenn leider alles anders gelaufen ist.“

Foto: Anke Queitsch in der Tür ihres von HELFT UNS LEBEN gestifteten Autos. Dank des Wagens kann sie Therapieangebote annehmen und entkommt Hartz IV. Foto: Ulf Steffenfauseweh

https://helftunsleben.de/1947-2/