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Technik bringt ein Stück Freiheit zurück

Cramberg. Ein Besuch im Zoo, ein Ausflug mit den sieben und fünf Jahre alten Kindern Neele und Nils oder einfach ein Spaziergang über Feldwege sind für die Familie Nott aus Cramberg keine Selbstverständlichkeit. „Da kommt der Papa nicht durch“, heißt es oft. Das Limit setzen die kleinen Vorderräder am Rollstuhl von Thorsten Nott, der an einer komplexen Krankheit leidet, die vom linken Fuß ausstrahlt.

Einen Aktivrollstuhl mit Kraftverstärker besitzt der Familienvater, ein Handbike hat er sich selbst gekauft. Ein Freewheel am Rollstuhl, das über Kantsteine hinweghilft und Wiesen passierbar macht, fehlt ihm jedoch, weil es die Krankenkassen nicht bezahlen. Darum kümmert sich nun die Initiative HELFT UNS LEBEN unserer Zeitung. Vom „fit machen fürs Gelände“, spricht Geschäftsführer Hans Kary, als er mit der Vorsitzenden Manuela Lewentz-Twer die Familie in ihrem Haus in Cramberg besucht.Thorsten Nott bringt das Anbauteil mit noch viel mehr in Verbindung: „Man bekommt ein Stück Freiheit wieder.“ Das ist ein Hoffnungsschimmer in einer umfangreichen Leidensgeschichte, deren Auslöser die Krankheit CRPS ist, per Definition ein „komplexes regionales Schmerzsyndrom“, das früher auch Morbus Sudeck genannt wurde. Der heute 36-Jährige musste allerdings lange auf die richtige Diagnose warten. „Keiner konnte mir sagen, was ich eigentlich habe und was das ist“, berichtet Nott.

Nach einem Unfall im Oktober 2018, bei dem er im eigenen Haus eine Treppe hinabstürzte, vermuteten die Mediziner lange einen Außenbandriss. Erst in der Reha wurde erkannt, dass sein Knie erhebliche Schäden erlitten hatte. Wie Thorsten Nott schildert, ging es von einem Orthopäden zum nächsten, während der Fuß auf das Zwei- bis Dreifache des Gewohnten angeschwollen war und sich verfärbte. Erst bei Fußgelenksspezialisten im St. Josefs-Hospital in Wiesbaden kam die Vermutung auf, dass es sich um CRPS handeln könne. Ein Experte in Mainz bestätigte dies. Die Gelenkskrankheit, die ebenso die Hände befallen kann, prägt nun den Familienalltag. Die Ursachen könnten vielfältig sein, erklärt der Betroffene, doch letztlich steht fest: „Der Fuß ist faktisch unbrauchbar. Der Dauerschmerz ist immer da.

“Da kein Fall für die Berufsgenossenschaft vorliegt und Thorsten Nott kein Privatpatient ist, mussten andere Wege gefunden werden, um den Alltag zu bewältigen. Obendrein verstarben seine Mutter und sein Vater, als er erkrankt war. „Wie sie das in ihrer Partnerschaft tragen, ist wirklich eine große Leistung“, sagt Manuela Lewentz-Twer. „Das tun, was wir uns wünschen, wenn wir selbst in der Situation dieser Menschen wären“, beschreibt sie als den Grundgedanken und die Motivation von HELFT UNS LEBEN.

Wie die Ehefrau Irina Nott erzählt, machte die Sozialstation in Diez auf die Initiative der Rhein-Zeitung aufmerksam. Ohnehin gestalten die Notts trotz allem entschlossen weiterhin ihr Leben selbst, auch wenn sogar mit Freewheel nicht mehr an Fußball und Joggen zu denken ist. Im Mai dieses Jahres kam die kleine Pia als drittes Kind zur Welt. Der Vater befindet sich in einer Umschulung zum Verwaltungsfachangestellten.„Ich habe mich tierisch darüber gefreut, dass mir das ermöglicht wurde“, lobt Nott seinen Arbeitgeber, die Verbandsgemeinde Diez. Gut 17 Jahre lang hat er vorher als gelernter Fleischer in Diez geschafft und war danach zwei Jahre als Maschinenführer in einem Betrieb der Baustoffbranche in Nentershausen. Im neuen Job würde er gern in einer sozialen Abteilung tätig sein, denn „ich möchte Leuten helfen“. Außerdem will sich Thorsten Nott als Schwerbehindertenbeauftragter zur Verfügung stellen.

Foto: Thorsten Nott ist bereit, sein Schicksal zu meistern. Ein Freewheel am Rollstuhl wäre eine Erleichterung für ihn, Manuela Lewentz-Twer und Hans Kary von HELFT UNS LEBEN wollen dafür sorgen. (Foto: Thorsten Stötzer)

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